Die Crew auf fremden Planken. Zu Gast an Bord der "Shelter".

Sonntag, 5. Oktober 2014

Von einem Ausfall zum nächsten ... (aktualisiert)

4./5.10.2014 / Heiligenhafen -  Klintholm

Die Sonne ist wach, wir auch. Es kann losgehen.

Leider hat der Elektriker der Werft das neue AIS (Automatic Identifikation System) noch nicht eingebaut. Also mussten wir noch auf ihn warten. In der Zwischenzeit wurden die Autos auf dem Hafengelände sicher eingestellt und ein paar Unterlagen für die Fahrt studiert. Achtung: Skipper at work :-)

Aber dann ging es endlich los. Die Freude war riesig - auf ins Segelabenteuer!


 Da der erste Teil der Strecke durch ein schmales Fahrwasser führte, blieben wir unter Motor und somit ohne große Schräglage. Das gab Zeit für ein zweites Frühstück und ein paar kleine Bastelarbeiten.






Leinen aufschiessen (ordentlich"aufwickeln") ist nie verkehrt. Vor allem neue Leinen haben oft einen fiesen Drillich in sich.


Endlich kam die Fehmarnsund-Brücke und damit die (Scherz-)Frage: Passen wir durch oder passen wir nicht durch? Der Mast hat 20 m lichte Höhe (über der Wasseroberfläche), die Antennen 1 m, die Brücke ...

... 22 m?! Passt! Oder? Zu spät ... wir sind dran.

passt????
passt??



PASST!!!!

Passt nicht (mehr). Da ist wohl was Größeres drübergefahren?!













                                                                           





Draussen wurde es dann gleich etwas ruppiger. DerWind frischte auf und die Segel hatten richtig zu tun.






Irgendwann hatte es Kenneth gereicht. Unser Skipper ist mit einer ollen Erkältung stark angeschlagen und sollte bald abgelöst werden.

Meine Chance!
Schnell noch eine kurze Absprache über Kurs und nächstes Ziel und schon konnte Kenneth in der Koje verschwinden.

Es ist soooo cool: Du stehst am Steuer, vor dir 12 m Segelboot, das durch die Wellen pflügt. Das Wetter war ein Segeltraum: sonnig und windig. Die Welle war noch erträglich und sorgte für viel Fahrspaß hoch am Wind.


Später übergab ich dann an Harry, weil mich die Kraft verließ. Dauerhaft so schräg stehen und dabei die Wellenbewegungen abfangen hielt ich nicht ewig durch. Also der nächste Wechsel des Rudergängers und ich verzog mich unter die Sprayhood und ging auf Funkwache.


Unterwegs querten wir ein Verkehrstrennungsgebiet - so eine Art Autobahn für die großen Dicken. Leider nehmen die das auch sehr wörtlich. Was eben noch ein kleiner Punkt am Horizont war, ist Minuten später schon ein dickes Containerschiff, was größte Aufmerksamkeit (und Vorfahrt!) verlangt.



Einreise nach Dänemark heißt hissen der Gastlandsflagge.


Bei dem mittlerweile aufgekommenen Wellengang wurde der Weg nach vorn zum Mast beschwerlicher. Zur Not (und es ist auch sicherer) robbt man auf allen Vieren. Sehr zur Erheiterung der restlichen Crew im Cockpit.











Sonnenuntergang auf dem Meer.
Magisch. Bis auf das Wuseln der beiden Fotografinnen war es völlig still an Bord. Harry steuerte konzentriert und Kenneth pflegte seine Erkältung und die aufkommende Seekrankheit.





Ira hatte zwischendurch tatsächlich geschafft, uns eine warme Mahlzeit zu kochen. Kurzfristig ging der Autopilot ans Ruder und wir genossen was Warmes im Bauch. (Vorgegarter) Schweinebraten mit Kartoffeln und Zwiebelsoße. Super lecker - nur bei Krängung etwas schwer zu essen :-)
Kenneth ging es schlechter; er wollte nichts essen. Im Gegenteil - ....



An diesem Punkt kippte unser ganzes Reiseglück. Erst hob es Kenneth komplett aus, mir drückte die leckere Mahlzeit immer mehr auf den Magen und ich musste mich "sehr konzentriert" bewegen, um alles bei mir zu behalten. Harry brauchte irgendwann seine Steuerablösung und rutschte damit auch in die trügerische Ruhe des "nur Dasitzens". Es ist ein wohlbekanntes Phänomen: wird dir an Bord mulmig, gehst du am besten ans Steuer. Das lenkt in den meisten Fällen so sehr ab, das die Reiseübelkeit vergeht. Bei uns war es allerdings eine Bordseuche geworden. Erst erwischte es Harry ziemlich hart und irgendwann hing auch ich über der Reling. Der (magere!!!) Schweinebraten hatte seine Freiheit wieder. Somit blieb Ira als einzig verfügbares Crewmitglied allein am Ruder zurück, während der Rest der Crew mehr oder weniger abwesend im Cockpit rumlag. Während es bei mir mit leerem Magen wieder bergauf ging, ging es Harry immer schlechter. Unterkühlt und hundeelend hing er bemitleidenswert auf der Cockpitbank. Kenneth lag im Schlafsack am Cockpitboden und zeigte erste Anzeichen, wieder fitter zu werden. Ich hockte unter der Sprayhood und wartete darauf, mich wieder ohne Rebellion des Magens bewegen zu können. Ira plante derweil schon fieberhaft das einsame Anlegen im Hafen. Es waren gerade Mitternacht geworden. Wir waren schon 13 Stunden auf dem Wasser.
Kurz vor der Einfahrt in den Hafen mussten natürlich die Segel runter. Dabei stellten wir fest, dass die Rollanlage des Vorsegels nicht funktionierte. Was nun? Kenneth hoffte, die Rollanlage reparieren zu können, während Ira weiter auf die Hafeneinfahrt zu hielt. Plötzlich tauchten vor uns Fischernetze in der Dunkelheit auf. Ein plötzliches Wenden, weg von dieser Stelle, hätte Kenneth das Segel schmerzhaft um die Ohren gehauen. Also riefen und zuletzt schrien wir, was das Zeug hielt. Aber bei Windstärke 6 kommt die Stimme gegen den Wind nicht weit. Da aktivierte Ira das Nebelhorn und Kenneth war sofort klar, das es Schwierigkeiten gibt. Kaum war er im Cockpit, drehten wir ab. nach kurzer Zeit für Beruhigung und Nachdenken gab es Plan B vom Skipper. Ich wurde ans Ruder gestellt (das ging immerhin schon) und hielt das Boot direkt in den Wind. Ira und Kenneth gingen nach vorn und holten tatsächlich die ganzen 37 qm von der Rollanlage aufs Deck und banden es dort fest. Ein Kraftakt. Kurze Zeit zum Ausruhen, dabei Wenden und weiter überlegen. Damit das Großsegel sich besser bergen lässt, banden Ira und Kenneth erst ein zweites und später drittes Reff hinein, um die Fläche zu verkleinern.
Währenddessen fuhr ich auf Halbwindkurs weit vor dem Hafen auf und ab - in respektvollem Abstand zu den Fischernetzen. Endlich war dann auch das Großsegel unten und Kenneth steuerte das Boot bei starkem Wind und Wellengang in den Hafen. Aus Sicherheitsgründen entschieden wir uns schon draußen für das größere Becken des Fischereihafens, weil wir uns dort bei diesem Wind sicherer bewegen konnten, um einen Anlegeplatz zu finden.

Der GPS-Track zu diesem teil der Fahrt
Es dauerte noch eine Weile, eh drei völlig entkräftete und übermüdete Segler ein 12,5m langes Boot bei Windstärke 6 an den Kai genagelt bekamen. Leinen fielen beim Überwerfen ins Wasser statt an Land, sie verknoteten beim Belegen, und, und, und. Irgendwann hatten wir es geschafft und saßen völlig erschossen im Cockpit. Wir waren viel zu aufgewühlt, um schlafen zu gehen. Nach ein wenig hin- und hergeräume, Leinen nachziehen und Deck klarieren trollten wir uns aber nach und nach in die Kojen.
Was für ein Törn!






2 Kommentare:

  1. Na da habt ihr ja einen heftigen Start hinter euch! :-/
    Wie sieht es mit der Gesundheit aller Crewmitglieder nun aus?

    Trotz der plötzlichen Misslage super reagiert!

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  2. So langsam haben wir uns erholt. Ira ist sowieso fit wie ein Turnschuh.
    Ich hab wohl allgemein etwas "Magen", aber Essen wird auch überschätzt :)

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