Wir müssen so langsam heim.
Aber Schweden macht uns den Abschied schwer. Es scheint fast so, als würden wir festgehalten.
Dabei hatten wir für heute einen so ehrgeizigen Plan: südwärts! Raus aus dem Sturmtief! Von Marstrand nach Anholt, 75 Seemeilen. Neben dem langen Weg hatte der Skipper noch einen "Notausstieg" in der Hinterhand. Sollte es zu ruppig werden, biegen wir bereits auf halber Strecke nach Läsø ab.
Wir waren extra früh aufgestanden. Die ersten krochen 5:30 Uhr aus der Koje und sorgten für heißen Kaffee und frische Brötchen. Pünktlich zum Sonnenaufgang gegen 7:45 Uhr legten wir ab und fuhren eine Abschiedsroute durch Marstrand. Kalt war es - echtes Mütze-, Schal- und Handschuh-Wetter. Zu 6°C Lufttemperatur gesellten sich Nieselregen und leichter Frühnebel. Mit unserer heutigen Kleidung hätten wir wohl auch in der Nord-West-Passagen segeln können:
Kaum auf dem freien Wasser angekommen, hissten wir die Segel, das Groß im dritten Reff und nur das kleine Vorsegel. Angesagt war Wind in Stärke 6 und Wellen bis 1,30 m.
Was wir dass draußen vorfanden, war dann eher sportlich. Die Windstärke passte noch zum angesagten Wert, aber die Welle gab ihr Bestes.
Aber es lief ganz gut und wir stellten uns auf einen langen Törn nach Anholt ein. Die Crew war - teils mit Reisetabletten gedopt - bester Reiselaune:
Bis im Cockpit auf einmal das Licht ausging.
Keine Seekarte mit der aktuellen Position mehr.
Kein Tiefenmesser mehr.
Keine Windanzeige mehr.
Keine Geschwindigkeitsanzeige mehr.
Keine Positionslichter mehr.
Nix.
Alles dunkel.
Ira und Kenneth, teilweise auch Harry, standen unter Deck vor dem Schaltpanel für die Bordelektrik und suchten nach dem Fehler. Der Fehler war ... komplex. Alle Batterien abgeschaltet - klar, alles aus. Alle Batterien wieder ans Netz genommen - da nahm das Schaltpanel gleich alle möglichen Verbraucher an Bord ins Netz (Licht auf und unter Deck, Kühlbox, diverse Pumpen, das Netz der Bordinstrumente, usw.). Die Batterie zeigte uns daraufhin einen Vogel - "dat schaff ick nicht". Also alles wieder ausschalten und grübeln. Da waren wohl Kriechströme in Scharen unterwegs. Nichts, was man schnell mal auf der Ostsee in hoher Welle erledigt. Ich stand derweil am Steuer und übte mich in "analog segeln". Alles, was mir als Anzeige blieb, war der gute alte treue Kompass. Dem war der Stromausfall egal; er wusste trotzdem noch, was seine Aufgabe ist. Die einzige elektronische Hilfe war das iPad mit entsprechender Navigations-App.
Kenneth überlegte mit Hilfe der Seekarte und entschied, nicht mal bis Läsø zu fahren, sondern direkt gen Küste nach Göteborg abzubiegen. Es war klar, dass wir einen Fachmann brauchten und den finden wir nicht auf einer kleinen dänischen Insel kurz vorm Winterschlaf. Da war Göteborg schon die besser Wahl.
Gesagt, getan. So langsam bauten sich die Wellen auf 3-4 m auf, der Wind nahm ab und damit die Gründe zu, den kürzesten Weg zu nehmen.
Nun liegen wir wieder in im königlichen Yachthafen von Göteborg.
Während Kenneth und Ira den Elektriker beschafften, trocknete Harry das Innenleben des Schaltpanels mit dem Haartrockner.
Das bekam diesem anscheinend sehr gut - bis auf kleine Macken ging alles wieder. Der herbeigerufene Fachmann hatte noch keine endgültige Lösung, aber die Rufnummer eines Kollegen, der sich mit etwas komplizierterer Bordelektronik noch besser auskennt. Morgen früh wird der sich das Dilemma nochmals anschauen.
Eine eventuelle Ursache fanden wir bereits allein: Wasser. Anscheinend über den Mast lief Wasser in die Decke unter Deck und verteilte sich von dort in diverse Ecken des Bootes. Unter anderem auch in die Elektroverteilung. Die Kontakte auf der Hauptplatine sind teilweise heftig "angerottet". Mal sehen, was da der Fachmann überhaupt noch retten kann:
Wir trösteten uns mit einem mondänen Abendessen im Restaurant des Nachbarhafens.
Der lustige Kellner brachte uns wieder auf andere Gedanken, das gute Essen und ein-zwei frisch gezapfte Biere brachten die nötige Schwere in den Körper und die Wärme des Raumes lullte uns in ein kleines "Vorabend-Koma". Selbst die Höhe der Rechnung konnte uns nicht mehr schockieren. Wer so lange von einfacher (aber leckerer) Bordküche lebt, hat sich solche Sünde auch mal verdient.
Bis zum nächsten Freitag müssen wir wieder in Heiligenhafen sein.
Um Gottes Willen! Was kommt denn noch? Seeungeheuer?
AntwortenLöschenEines spannende Fahrt - auch für alle Leser!
Nee, das nicht. Aber eine zickige Standheizung. Aber nicht so schlimm. Kenneth hat sie mittlerweile gezähmt und wir fahren ja auch immer weiter in den Süden. Bald holen wir die kurzen Shorts raus :-)
AntwortenLöschen